Ein Vergleich des visuellen Systems mit der Funktionsweise einer Kamera ist irreführend, denn Sehen ist
weit mehr als die bloße Abbildung von Lichtmustern auf einem Film. Wenn man bedenkt, daß die optische
Information, die das Auge erreicht, nur ein winziges, auf dem Kopf stehendes, Abbild der Umgebung ist,
wird klar, daß das visuelle System im Gehirn umfangreiche Informationsverarbeitung leisten muß, um die
komplexe, dynamische Wahrnehmung der Umwelt zu ermöglichen, die für uns selbstverständlich
ist.
Zu dieser Verarbeitungsleistung gehört auch, daß das Gehirn eine Vielzahl von Annahmen über die Umwelt macht,
zB über Perspektive ("Wenn sich etwas entfernt, wird nicht das Objekt kleiner, sondern nur sein Bild") oder
über Entstehung einer Gestalt aus einzelnen optischen Details ("Das Zeichen ):-) stellt ein Gesicht dar").
Solche Annahmen führen das visuelle System manchmal in die Irre - und nur daran können wir eindrucksvoll
erkennen, daß die Wahrnehmung von Bildern komplizierte Verarbeitungsschritte beinhaltet. In dem Bild oben zB
verleitet die Annahme über das Aussehen eines Schachbrettmusters das Gehirn zur Fehlinterpretation über den
Verlauf der waagerechten Linien: sie werden als krumm wahrgenommen.
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